Der Frohe Tod oder Wir sind auch bloß Menschen

Ein unbekanntes Knistern weckte sie. Irritiert sah sie auf ihren Wecker, es war noch nicht einmal drei. Zu müde, um wütend zu werden, schloss sie ihre Augen wieder, und versuchte einzuschlafen. Es ging nicht. Zögernd stand sie auf, ging ins Bad, und trank ein paar Schlucke Wasser; dann legte sie sich zurück ins Bett. Es knisterte immer noch, doch sie konnte nicht sagen, wo der Ursprung des Geräusches lag.
 
Sie schloss die Augen ein zweites Mal, und dachte an den vergangenen Tag. Zum Frühstück war sie mit ein paar Freundinnen verabredet gewesen, mit denen sie danach fröhlich durch die Stadt gebummelt war, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Mittags hatten sie in einem kleinen Restaurant gegessen, und danach noch einen wunderbaren Film im Kino gesehen.
 
Später hatte er sie aus dem Kino abgeholt, und sie nach Hause gebracht, wo sie ein paar Stunden gelesen hatte. Am Abend war er unangekündigt gekommen, im Anzug. Sie hatte ihn noch nie zuvor im Anzug gesehen. Mit einem Lächeln im Gesicht hatte er ihr verkündet, dass er zwei Plätze im Luxus-Restaurant der Stadt reserviert habe, und sie hatte sich mit einer gewissen Vorahnung das blaue Sommerkleid angezogen, dass er ihr zu ihrem Geburtstag geschenkt hatte.
 
Im Restaurant hatten sie herrlich gegessen, und auf dem Heimweg hatte er vor einem Blumenladen halt gemacht, und ihr einen wunderschönen Blumenstrauß zusammengestellt. Mit diesem hatte er sich schließlich vor ihrer Wohnungstür vor sie hingekniet, und ihr die Frage gestellt, auf die sie schon so lange gewartet hatte.
 
Sie hatte ja gesagt, und jetzt lag sie hier, in ihrem Bett, unglaublich glücklich und zufrieden. Ihr wurde warm, und sie schob die Decke von sich. Immer noch hörte sie dieses komische Knistern, aber sie war zu müde, um sich weiter darüber Gedanken zu machen. Langsam glitt sie zurück in einen sanften Schlaf. Sie träumte. Von einem großen Haus. Einem Haus auf dem Land. Kindern. Einem See. Ihm, wie er ihr nur durch einen einzigen Blick sagte, was sie für ihn bedeutete. Einem seltsamen blauen Licht. Verzweifelte Schreie. Sie träumte.
 
Zwei Tage später in der regionalen Zeitung:
 

Frau stirbt bei Hausbrand
Eine junge Frau ist vergangenen Samstag bei dem Brand ihrer Wohnung ums Leben gekommen. Die Frau schlief, während das Feuer sich über ihre Wohnung, die anliegenden Wohnungen und das Nachbarhaus ausbreitete. Alle anderen Einwohner konnten sich rechtzeitig vor dem Brand in Sicherheit bringen. Den ersten Erkenntnissen der Ermittler zufolge überraschte das Feuer die junge Frau im Schlaf.

Veröffentlicht von

Moritz

Hallo, ich bin Moritz (@script0r). Ich studiere Konfliktforschung in Augsburg und blogge u.a. über Gesellschaft, Politik und Computerkram.

8 Gedanken zu „Der Frohe Tod oder Wir sind auch bloß Menschen“

  1. Sehr schön und einleuchtend geschrieben. Kennst du die Kurzgeschichten von Mirianda July? Erinnert mich etwas daran. Solltest du dir mal unbedingt antun. Eine Künstlerin/ Schriftstellerin/ Regisseurin/ Schauspielerin die auch einen genialen Film drehte: „Me and you and everyone we know“ (Ich und du und alle die wir kennen)

  2. Hab mir mal kurz ihre Seite angesehen; das sieht sehr interessant aus. Wird mich zwar einige Überwindung kosten, aber wenn ich mal im Englischen drin bin, ist das kein Problem 😉 Danke für den Tipp.

  3. Die Meldung soll ja auch ein Schock sein – dann ist mir das schon einmal gelungen, zumindest in einem Fall 🙂 Zu dem „nicht merken“: Ich habe mir das beim Schreiben so vorgestellt, dass ein kleiner Teil der Wohnung schon zu Beginn der Geschichte brennt, was genau ist ja egal, und das Feuer einfach so weit weg ist, dass sie es aufgrund ihrer Müdigkeit und ihres Glücksgefühls nicht rechtzeitig bemerkt. Es wird ja nirgends geschrieben, dass sie das Feuer kurz vor ihrem Tod überhaupt nicht bemerkt, sie kann ihm eben nur nicht mehr entkommen.

  4. Hey, hab deine Antwort zu meinem Öko-Artikel gelesen und muss dir leider sagen, dass der Eiweiß-Anteil nicht aus zermatschten Würmern besteht, hab dazu eine gute Erklärung im Inet gefunden und gepostet.(PS: Das mach ich normalerweise nicht, dass ich so auf etwas hinweise, aber hierbei kannste ja schließlich noch was lernen^^)

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