Alles Was War

Früh am Morgen wacht sie auf. Er schläft noch tief, wie immer um diese Uhrzeit. Leise klettert sie aus dem Bett, versucht keinen unnötigen Lärm zu verursachen. Dann geht sie in die Küche, macht den Wasserkocher an und löffelt Kaffee in die französische Maschine. Zu viel Kaffee, wie ihr kurz darauf auffällt. Sie tappst ins Bad, stellt sich unter die Dusche, macht warmes Wasser an. Ein bisschen kann sie den angenehmen Schauer genießen. Er spült einen Teil des mulmigen Gefühls von ihr ab, das sie schon die ganzen letzten Monate begleitet.

Nach der Dusche zieht sie sich an, geht zurück in die Küche und macht den Kaffee fertig. Sie schmiert sich ein Brot fürs Frühstück, und noch ein zweites für Unterwegs. Dann setzt sie sich auf den Balkon und isst. Schaut auf die Stadt unter sich, das rege Treiben, schon um diese Uhrzeit. Sie fragt sich, wie es ohne das alles sein wird. Das mulmige Gefühl kommt zurück, vielleicht sollte sie noch einmal duschen – aber dazu fehlt die Zeit.

Sie steht auf, geht zurück ins Schlafzimmer. Er schläft immer noch tief und fest. Sie macht die Schranktür auf, er hat den Koffer nicht entdeckt. Erleichtert nimmt sie ihr Gepäck in die Hand. Sie schaut ihn noch einmal an, dann verlässt sie das Zimmer.

Auf den Küchentisch legt sie wie geplant den Brief und die Kassette. Daneben platziert sie noch ihren Wohnungsschlüssel – den braucht sie jetzt nicht mehr. Sie zieht sich die Schuhe an, schaut noch einmal in den Spiegel und sieht zum ersten mal seit langem wieder ihr eigenes Gesicht. Sie öffnet die Tür, macht einen Schritt nach draußen, lässt das Schloss einschnappen. Geht die Treppe hinunter, hinaus auf die Straße, und weiß, dass sie trotz ihres schlechten Gefühls das Richtige getan hat.

Er wacht auf, als die Tür ins Schloss fällt. Tastet neben sich, doch die andere Hälfte des Bettes ist leer. Er steht auf, schaut ins Bad, geht weiter in die Küche, sieht die drei Gegenstände auf dem Tisch. Ein komisches Gefühl beschleicht ihn. Er nimmt den Brief, öffnet ihn und beginnt zu lesen. Erst ist er irritiert, dann beginnt er langsam, zu verstehen. Er versteht den Inhalt, begreift ihn nicht und spürt, wie es langsam in ihm hochkommt. Schnell nimmt er die Kassette, steckt sie in den Rekorder, sackt auf dem Stuhl zusammen, und hört.

Allison Weiss – I Had To Do It (das Lied beginnt bei 1:15)

Veröffentlicht von

Moritz

Hallo, ich bin Moritz (@script0r). Ich studiere Konfliktforschung in Augsburg und blogge u.a. über Gesellschaft, Politik und Computerkram.

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