Ich bin Troy Davis | Laute irrt
23. November 2011 2

Ich bin Troy Davis

Ein Mensch tötet einen Menschen. Ein Mensch tötet einen Menschen, der einen Menschen getötet hat. In beiden Fällen steht am Grab eine Mutter, die weint. Ein Mensch tötet einen Sohn. Ein Mensch tötet einen Ehemann. Ein Mensch tötet einen Großvater. Ein Sohn tötet eine Mutter, eine Mutter tötet einen Großvater, ein Großvater tötet einen Sohn. Und in allen Fällen steht am Grab ein Mensch, der weint.

Eine Mutter weint um ihren Sohn, der ermordet wurde. Eine Mutter weint auch um ihren Sohn, der ein Mörder war und deshalb ermordet wurde. Eine Mutter weint um ihren Sohn, der ein Mörder war und deshalb vom Staat ermordet wurde. Wieso sollte die Tötung eines Menschen, nur weil sie ein offizielles Ereignis ist, kein Mord sein? Wieso sollte eine Hinrichtung, die mit Gesetzen legitimiert wird, kein Mord sein? Doch nur, weil das Wort “Mord” einen bösartigen Charakter hat. Man hatte ja nichts Bösartiges im Sinn. Man wollte doch nur töten.

Ein Toter, der nach seiner Ermordung freigesprochen wird, kann mit dieser neu gewonnenen Freiheit nicht mehr allzuviel anfangen. Ein Toter kann auch nichts bereuen. Ein Toter hat nicht die Möglichkeit, sich zu bessern, sich zu entschuldigen, einen Neuanfang zu wagen und etwas Gutes zu tun.

Ihr sagt, ein Toter könne niemandem mehr schaden. Ich sage: Dass kann ein Häftling doch auch nicht. Nein, ein Häftling kann niemandem mehr schaden. Er kann sich nur bessern, sich entschuldigen, einen Neuanfang wagen und etwas Gutes tun. Natürlich kann er das auch sein lassen. Aber wer kann sicher sein, dass sich ein Mensch niemals ändern wird? Dass sich einer von zehn niemals ändern wird? Selbst, wenn sich nur einer von hundert ändert, hat es sich doch schon gelohnt. Und da einige von euch das wirklich nicht verstehen, übersetze ich es noch in eure Sprache: Ein Häftling schafft mehr Arbeitsplätze als ein Toter, und er ist billiger.

Was ist der Tod? Ist er Himmel und Hölle? Ist er Nichts? Unendliche Schwärze? Wenn wir nach dem Tod in den Himmel, oder in die Hölle kommen, straft Gott die Bösen dann nicht sowieso hart genug? Ist es nicht anmaßend von uns, Gottes Urteil nicht zu vertrauen? Ist es nicht paradox, im Anschluss an “Liebe deinen Nächsten” auch noch ein “Oder bring ihn um” zu predigen? Und wenn der Tod schwarz ist. Wenn er das Nichts ist. Wie können wir uns anmaßen, jemanden ins Nichts, in Schwärze und Vergessenheit zu schicken?

Immer wieder wird der Horizont befleckt von flammigen Reden. Es geht um Kinderschänder, Schwerverbrecher, Massenmörder. Um Menschen, die es in den Augen einiger nicht verdient haben, weiterzuleben. Aber ein Kinderschänder ist – ganz egal, wie grauenvoll und niederträchtig seine Taten auch waren – ein Mensch. Und ein Massenmörder ist – ganz egal, wie viele Menschen er ermordet hat – ein Mensch. Und die Würde des Menschen ist fuckin’ unantastbar!

Wer ich bin, dass ich in die Rolle des Lehrers schlüpfe? Nun, wer sind denn wir? Wir sind Deutschland, oder? Wir sind Papst und ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber ich bin auch Troy Davis. Ich bin Stanley “Tookie” Williams, ich bin Hans und Sophie Scholl. Ich bin Kurt Huber, ich bin Christoph Probst, Alexander Schmorell und Willi Graf. Ich bin Guy Fawkes, ich bin Marie-Antoinette und ich bin all die anderen, die seit Menschengedenken hingerichtet wurden. Hingerichtet, um “der Gerechtigkeit Genüge zu tun”? Nein, aus einem ganz anderen Grund: Aus Rache.

Willkommen! Willkommen im System der größten modernen, westlichen Demokratie. Willkommen im System der Willkür. Willkommen im System der gottverdammten Rache. In einem System, in dem Mütter an Gräbern stehen, wo keine Gräber sein sollten.

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I am Troy Davis – Foto: World Coalition Against the Death Penalty (CC-Lizenz)


Der Autor
Hallo, ich bin Moritz (Twitter). Ich studiere Sozialwissenschaften in Augsburg und blogge u.a. über Gesellschaft, Politik und Computerkram.
Kategorie(n): Dichtung

2 Kommentare

  1. Linda 23.11.11 @ 16:56

    Du sprichst mir aus der Seele !! Gefällt mir.. sehr gut :)!

  2. Franziska 11.12.11 @ 22:35

    Toller Text, echt super und so war und so traurig das es solche Texte überhaupt braucht

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