"KONY 2012" – ein kritischer Überblick

Manchmal ist man ziemlich naiv. Viel naiver als man denkt. Der vergangene Mittwoch war bei mir so ein Tag, und seitdem habe ich ziemlich viel nachgedacht. Häufig ist dabei folgender Gedanke durch meinen Kopf gerauscht: „Du hättest das besser wissen müssen.“ Ein Semester habe ich jetzt studiert. Und in diesem Semester habe ich vor allem eine Sache immer wieder gelernt: Hinterfrage. Hinterfrage alles. Jede Information, jede Statistik. Gib dich nicht zufrieden mit schwammigen Formulierungen und mit Populismus. Gebracht hat es anscheinend wenig. Aber alles der Reihe nach.
 

„KONY 2012“ – Das Kampagnen-Video
An besagtem Mittwoch habe ich auf YouTube ein Video gefunden. Ein Video von der Nichtregierungsorganisation „Invisible Children“ zur Kampagne „KONY 2012“. In dieser Kampagne geht es darum, den Anführer der Lord’s Resistance Army, Joseph Kony, weltweit bekannt zu machen. Kony und seine Mannen terrorisieren die Zivilbevölkerung in Uganda und den Nachbarstaaten, haben laut Spiegel Online „Tausende Kinder für seine [Konys] ‚Widerstandsarmee des Herrn‘ entführen“ lassen. Das Video von „Invisible Children“ will das Thema Kony in die Öffentlichkeit rücken und so Druck auf die US-Regierung aufbauen, die Joseph Kony stoppen soll.

Druck auf Regierungen ausüben, das kennt man von anderen NGOs wie Amnesty International oder Greenpeace. Und sicher ist es auch in diesem Fall ein wichtiger Schritt. Aber das heißt nicht, dass man die kritische Seite ausblenden sollte. Ich bin zum ersten Mal skeptisch geworden, während ich das Video zur Kampagne gesehen habe. Soviel Pathos, soviel Euphorie und ein ganzer Haufen an musikalischer Untermalung – ein bisschen irreführend bei einem Werk, das sich selbst den Stempel der Aufklärung aufdrückt. Nichtsdestotrotz: All diese Mittel wirkten schlussendlich auch bei mir und ich muss zugeben, dass ich gerade das Ende des Videos sehr überzeugend fand. So überzeugend, dass ich es kurz darauf hier im Blog veröffentlicht habe.

Dann allerdings stockte ich erneut als ich die Preise für Sticker und Support-Armbänder auf der Webseite zu „KONY 2012“ gefunden habe. 10€ für ein Armband. Die NGO „Invisible Children“ nimmt mit dem Verkauf dieser Support-Kits vermutlich also sehr viel Geld ein. Stellt sich die Frage: Was macht sie mit diesem Geld? Doch auch hier hätte ich nicht weiter nachgehakt, wenn mir Jan Eijking von Zementblog.de nicht einen Anstoß gegeben hätte.

 
Kritische Stimmen im Netz
Jan schickte mir den Link zum tumblr-Blog visiblechildren.tumblr.com Der Name des Blogs ist – wie man unschwer erkennen kann – eine Anspielung auf den Namen der NGO „Invisible Children Inc“, die hinter der Kampagne „KONY 2012“ steht. Auf eben jenem Blog wird unter anderem eine Antwort auf die Frage gegeben, was die NGO mit dem durch Spenden und Verkauf gewonnen Geld macht:

Sie dreht Filme, bezahlt ihr hauptamtliches Personal sowie Reisen und Transporte, so die Kritik. Das Finanz-Statement der NGO zum Jahr 2011 (s.h. Seite 6 der verlinkten Datei, eine Sammlung der Finanz- und Organisationsberichte gibt es auf der Webseite der Organisation) ist für jedermann einsehbar. Und es zeigt: Über eine Million US-Dollar der beinahe 9 Millionen US-Dollar Gesamtausgaben aus dem Jahr 2011 hat die Organisation für Reise- und Transportkosten ausgegeben. Weiterhin gingen 357.610 US-Dollar an die Filmproduktion und 951.552 US-Dollar sind als „Produktionskosten“ angegeben. Der Großteil des Geldes (2.810.681 US-Dollar) ging direkt ins Hilfsprogramm der Organisation. Hier kommt der Vorwurf von „Visible Children“ ins Spiel: 32% der Gesamtausgaben in direkte Hilfeleistungen sei einfach zu wenig. Ähnliche Vorwürfe werden in einer Diskussion auf reddit.com zum Video „KONY 2012“ laut.

Allerdings bleibt es nicht bei dieser Kritik, schwerer wiegen andere Vorwürfe. In einem Artikel des Hamburger Abendblatts wird erklärt, Kritiker bezeichneten „KONY 2012“ als eine „Form des weißen Gutmenschentums, die stark an den Kolonialismus erinnere.“ Die New York Times kritisiert in einem Artikel, dass im Kampagnen-Video nicht deutlich genug darauf hingewiesen werde, dass Joseph Kony seit 2006 gar nicht mehr in Uganda aktiv sei. Das Abendblatt hat zudem eine Passage aus dem englischen „Independent“ übersetzt, in dem der gebürtige Ugander Musa Okwanga schreibt:

„Wenn ein Mann jahrzehntelang Verbrechen gegen die Bevölkerung eines Landes begeht, gibt es immer einen Haufen mächtiger Leute, die ihn gewähren lassen. Deshalb müsse die Politik des ugandischen Präsidenten Musenevi zentraler Bestandteil der Lösung dieses Problems sein.“

Auch das wird der Kampagne von vielen Seiten vorgeworfen: Sie vereinfacht vielen Kritikern zufolge ein unglaublich komplexes Problem auf ein simples „Macht ihn bekannt, dann schnappt ihn das Militär“. Zu guter Letzt kommt auch noch der Vorwurf der Manipulation von Fakten hinzu. ForeignAffairs wirft „Invisible Children“, „Human Rights Watch“ und anderen NGOs vor, bei ihrer Arbeit gegen Josepf Kony gezielt Informationen manipuliert zu haben.

Gestern Abend ist auf Sueddeutsche.de ein Artikel zum Thema erschienen. Auch dort werden viele Kritikpunkte gegen die Kampagne „KONY 2012“ gesammelt. In einem ebenfalls gestern auf ZEIT online erschienen Beitrag macht die Journalistin Alexandra Endres darauf aufmerksam, dass „KONY 2012“ den Falschen jage.

 
Stellungnahme der Organisatoren von „Invisible Children“
Nach der Kritik von außen sollen natürlich auch die Organisatoren der Kampagne in diesem Beitrag zu Wort kommen. Aufgrund vieler Nachfragen hat die Nichtregierungsorganisation „Invisible Children“ einen ausführlichen Antwortbogen veröffentlicht. Ziel der Aktion „KONY 2012“ sei es unter anderem, die Zivilgesellschaft in Uganda und den umliegenden Staaten zu schützen. Im Kampagnen-Video kann man diesbezüglich sehen, dass die NGO für verschiedene Dörfer Frühwarnsysteme zum Schutz vor etwaigen Überfällen eingerichtet hat.

Den Vorwurf der Vereinfachung kann die Organisation hingegen nicht entkräften. Sie gibt zu, dass ihre Kampagne sich keineswegs mit genauen Details des 26 Jahre langen Treibens von Joseph Kony befasst. Viel mehr wolle man einen Einstieg in das komplexe Thema bieten. Das ist sicherlich ein guter Ansatzpunkt. Ob man diesen Einstieg allerdings so reißerisch gestalten sollte, wie es das Kampagnen-Video tut, sei dahingestellt.

Zum Kritikpunkt des „weißen Gutmenschentums“ erklären die Organisatoren, man achte sehr genau darauf, die in Uganda bestehenden Probleme nicht von außen zu lösen und arbeite Hand in Hand mit lokalen Gruppen zusammen. Das wiederum widerspricht meiner Ansicht nach den Forderungen der NGO, die US-Armee solle weiterhin in Uganda stationiert bleiben. Dort unterstützt sie übrigens die Truppen aus Uganda. Aber: „Die Armee Ugandas selbst ist für Menschenrechtsverletzungen wie Vergewaltigungen bekannt.“ Menschenrechtsverletzer sollen einen Menschenrechtsverletzer stoppen – das ist absurd.
 

„KONY 2012“ unterstützen, oder besser nicht?
Während ich diesen Artikel geschrieben und erarbeitet habe, ist mir vor allem eines immer deutlicher bewusst geworden: Die Welt ist nicht so einfach. Das klingt banal, sollte aber ohne Frage erwähnt werden – denn Menschen neigen oft dazu, Dinge zu vereinfachen.

Mathis (@lubr1kant) – ein Freund von mir, der aktuell in Jordanien wohnt –, befindet die Kampagne trotz aller Kritikpunkte und Vorwürfe für unterstützenswert. In seinem Artikel schreibt er:

„Die Staaten, die von diesem Problem betroffen sind, müssen endlich handeln. Und Staaten handeln in der Regel dann, wenn die Massen aufgebracht sind. Und genau das sollte diese Kampagne in meinen Augen erreichen: Sie soll die Massen aufwecken und gegen diesen schrecklichen Mann aufbringen.“

Eine finanzielle Unterstützung der Kampagne lehnt er nichtsdestotrotz strikt ab. Und mir geht es ganz ähnlich: Es gibt zu viele kritische Punkte, zu viele Vorwürfe gegen „Invisible Children“ als dass ich der Organisation Geld spenden würde.

Ich bin mir sicher, dass vieles an der Kampagne „KONY 2012“ richtig ist. Die Sache mit den Frühwarnsystemen finde ich super, ebenso die Tatsache, dass Joseph Kony weltweit dermaßen bekannt gemacht wird. Denn ganz ernsthaft: Ich hatte bis vor drei Tagen keine Ahnung, wer dieser Mann ist. Dass sich das jetzt geändert hat, halte ich „Invisible Children“ zugute. Gleichzeitig möchte ich auch noch einmal betonen, dass sicherlich auch einige Kritiker mit ihren Kommentaren übers Ziel hinaus geschossen sind.

Allerdings überwiegen meiner Auffassung nach die negativen Argumente. Und zwar deutlich. Die technisch versierte, reißerische Umsetzung des Videos, die starke Vereinfachung des Themenkomplexes. Die Unterstützung des US-Armee-Einsatzes – das ist in meinen Augen zuviel des Schlechten. Deshalb habe ich für meinen Teil mich dazu entschieden, die Kampagne nicht zu unterstützen. Stattdessen halte ich es mit dem folgenden Vorschlag am Ende des Beitrags auf visiblechildren.tumblr.com:

„Wenn ihr eurem Abgeordneten im Parlament, eurem Senator, dem Präsidenten, oder dem Premierminister scheiben wollt, dann tut das bitte. Wenn ihr auf Facebook Beiträge über die Verbrechen von Joseph Kony veröffentlichten wollt, dann tut das bitte. Aber bitte beschäftigt euch mit Joseph Kony, nicht mit KONY 2012.“


Vielen Dank an Jan für die hartnäckige Diskussion zum Thema auf Facebook. Auch wenn ich dir weiterhin nicht in allen Punkten zustimmen kann: Indem du den Link gepostet hast, hast du mich doch dazu gebracht, mehr zu hinterfragen.

Veröffentlicht von

Moritz

Hallo, ich bin Moritz (@script0r). Ich studiere Konfliktforschung in Augsburg und blogge u.a. über Gesellschaft, Politik und Computerkram.

8 Gedanken zu „"KONY 2012" – ein kritischer Überblick“

  1. danke für den beitrag! habe selbst auch versucht, mal die ganze thematik von beiden seiten zu beleuchten… bin irgendwie darüber gestolpert, dass es im Grunde nur darum geht, dass die USA und China sich in Afrka bekämpfen?? Wer sonst noch einige Hintergrundinfos lesen will, kann ja gerne meinen Beitrag lesen:
    http://mondamo.de/blog/?p=448  

    ps: und ich würde mich auch über einen link zur facebook-diskussion freuen, oder überhaupt auf eine diskussion, damit ich da auch weiterkomme, danke

    pps: und seit 6 jahren ist kony nicht aktiv gewesen: das ist auch niemandem bewusst, weil die kampagne so wirkt, als wäre das alles gerade sehr sehr dringlich. (doch irgendwie von der us-regierung inszeniert??)

  2. Guter Artikel Moritz! Ich konnte solche Kampagnen noch nie was abgewinnen, gerade wenn wir Weißen darüber reden, was die Afrikaner schon wieder alles falsch machen und wir jetzt da wieder eingreifen müssen. Ich kann Kony 2012 auch nicht unterstützen und freue mich, dass du das in deinem Artikel auch nicht machst.
     

  3. Das Fachmagazin „Forein Policy“ hat einen guten Artikel dazu auch geschrieben: http://goo.gl/262OZ
     
    Fazit: „Stopping Kony won’t change any of these things, and if more hardware and money flow to Museveni’s military, Invisible Children’s campaign may even worsen some problems.“
     
    Ich finde das ganz treffend!

  4. @mondamo: Die Facebook-Diskussion fand auf meiner privaten Facebook-Pinnwand, sowie auf der Facebook-Fansite dieses Blogs statt.

    @Felix:
    Habe den Link mal gekürzt, weil er das Design zerschossen hat :)
    Freut mich, dass dir der Artikel gefällt. Ich denke der Punkt, den du ansprichst, ist ein sehr, sehr heikler, der vielmals einfach nur heruntergeredet wird. Schlussendlich stellt sich immer die Frage, ob die Menschen vor Ort diese Hilfe wollen bzw. inwiefern sie sie wollen (Beispiel: Aufbau von Kinderauffanglagern ist okay, Armeeeinsatz nicht).    

  5. Gute Zusammenfassung. Der ganze Diskurs zeigt aber doch, wie schnell, global, integrativ Medien heute funktionieren. Deswegen hat die Kampagne (inhaltliches mal ausgelassen) auf jeden Fall eines gebracht: Agenda-Setting und entsprechende Diskussion funktioniert heute auch ausgelöst von Online-Videos.
    Hab ich auch mal aufgeschrieben: http://alrightokee.de/medien/one-trick-kony/

  6. @fk
    es fällt auch schlicht unter Virales Marketing und genau das stört jeden, der von Hause aus erst einmal nachdenkt, bevor er sich mitreißen lässt. Diese emotionale Schiene ist nicht auf Dauer sondern auf ein kleines Momentum ausgelegt.

  7. Gab es nicht sogar schon die Vermutung, das in dem betreffenden Landabstrich Öl oder ähnliche Rohstoffe gefunden wurden? ..wäre ja dann ein guter Grund für solch eine Kampagne…

    Ich werde diese Kampagne nicht unterstützen, allein schon aus dem Grund das alles sooo plötzlich kam… vorher hat man nie auch nur irgendwas darüber gehört….  viel zu strange alles…

    Außerdem wurde Kony bereits gefunden^^   -> http://frobbel.de/posts/view/6oLxM4JX/kony-2012-gefunden 😀 

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