Eine Frau wird von ihrer Umgebung behindert. Foto: Pixabay (CC0)
Eine Frau wird von ihrer Umgebung behindert. Foto: Pixabay (CC0)

Leidvolle Helden

„Lügenpresse“, skandieren die PEGIDA-Demonstrant_innen regelmäßig auf ihren Protestmärschen. Lügenpresse. Diese Bezeichnung und die dahinterstehende Vorstellung, alle deutschen Medien und Politiker_innen würden von einer höheren, böswilligen Macht (sind es die USA, oder doch der Mossad?) kontrolliert, ist so blödsinnig wie naiv.

Was nicht bedeutet, dass Medien eine perfekte oder unabhängige Berichterstattung abliefern. Hinter jedem Artikel, Radio- oder Fernsehbeitrag stehen schließlich Menschen. Und Menschen machen Fehler. Wobei diese Fehler im Fall der Medienberichterstattung folgenreich sein können. Denn die Art und Weise, wie (und ob) die Presse über eine Sache berichtet, kann die Wahrnehmung eben dieser Sache auf Seiten der Leser_innen, Zuhörer_innen und Zuschauer_innen verändern.

Wir erleben das gerade bei PEGIDA, wo sich verschiedene Zeitungen über die Demonstrationen gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ wundern, während einige von ihnen mit ihrer Berichterstattung dazu beitragen, eben dieses Feindbild Islam zu konstruieren.

Ein anderes – stets aktuelles – Beispiel für die Wirkung der Medien auf die Gesellschaft ist die Berichterstattung über Menschen mit Behinderung. Häufig ist die Rede von kranken, leidenden Opfern, oder aber von Heldinnen und Helden, die ihr Unglück stoisch ertragen. Schubladendenken in Perfektion.

Wer selbst einen Menschen mit Behinderung gut kennt, weiß vielleicht, dass diese Opfer- und Heldenrollen nicht sonderlich viel mit der Realität gemein haben. Tatsächlich ist die Behinderung in der Regel zweitrangig und wird erst wichtig, sobald sie aufgrund bestimmter äußerer Begebenheiten eine Rolle spielt. Zum Beispiel dann, wenn man mit einer/einem Rollstuhlfahrer_in einen Kiesweg überqueren muss.

Kennt man den jeweiligen Menschen hingegen nicht, sondern sieht ihn oder sie beispielsweise nur kurz im Vorübergehen auf der Straße, stellen die meisten fest: Die Behinderung spielt bei der Wahrnehmung des/der Fremden automatisch eine bedeutende Rolle. Von außen betrachtet handelt es sich in beiden Fällen um einen Menschen mit Behinderung. Doch offensichtlich konstruieren wir die Bedeutung der Behinderung von Fall zu Fall unterschiedlich.

Die Wissenschaftlerin Sandra Pohl hat diese Konstruktion von Behinderung am Beispiel einer Schulklasse, in der es behinderte und nicht-behinderte Kinder gab, untersucht. Das Ergebnis: Die Schüler_innen sahen die behinderten Kinder in ihrer Klasse nicht als behindert an. Sie kategorisierten ihre Mitschüler_innen vor allem aufgrund von Sympathien. Die Kinder mit Behinderungen in einer „Extra-Klasse“ wurden von den befragten Kindern hingegen als „behindert“ eingestuft. Ein Kind sagte hierzu: „Das Kind im Rollstuhl gehört zur Klasse. Es ist wie wir alle. Das Kind aus der Extra-Klasse ist behindert. Weil es in die Extra-Klasse geht.“²

Damit kommen wir zum Kern des Problems: Offensichtlich spielen bei der Einordnung von Menschen mit Behinderung, die wir nicht persönlich kennen, Vorurteile und Klischees eine große Rolle. Doch woher nehmen wir diese Vorurteile? Mitunter aus der medialen Berichterstattung:

„Was so genannte Nichtbehinderte über Menschen mit einer Behinderung wissen, erfahren sie in der Regel aus den Medien. Unter diesen Umständen ist es entscheidend, welches Menschenbild ihnen dort vermittelt wird.“¹ (Peter Radtke, Journalist)

Und dieses von den Medien vermittelte Menschenbild ist bis heute oft von Leid und Heldentum geprägt. Ein aktuelles Beispiel ist die Berichterstattung von Spiegel Online über einen behinderten Jungen aus den USA:

„Dakota Nafzinger ist acht Jahre alt und leidet unter bilateraler Anophthalmie. Das bedeutet, dass ihm von Geburt an beide Augen fehlen.“

Der Artikel setzt einfach voraus, dass Dakota Nafzinger unter seiner Blindheit leidet. Und das offensichtlich ohne das Kind selbst danach gefragt zu haben. Dabei zeigt der weitere Inhalt des Beitrags, dass der Junge wohl weniger unter seiner Blindheit leidet. Sondern darunter, dass ihm das Schulpersonal im Rahmen einer Bestrafung seinen Blindenstock weggenommen und ihm stattdessen eine Schwimmnudel in die Hand gedrückt hat. Was in etwa so ist, als würde man einem sehenden Kind aus pädagogischen Gründen einen Sack über den Kopf stülpen.

Ein weiteres Beispiel: Die SZ-Journalistin Kathrin Werner hat einen Artikel über die Rollstuhlfahrerin Stacy Zoern geschrieben. Er beginnt mit folgendem Satz:

„Stacy Zoern hat ihr Leben ohne Freiheit perfekt organisiert.“

Diese Aussage ist ein Musterbeispiel für eine dramatisierende, stereotype Darstellung eines Menschen mit Behinderung. Im Rest des Beitrags wirkt es nicht so, als wäre Stacy Zoern ein unfreier Mensch. Sie hat eine Produktion für rollstuhlgerechte E-Autos gestartet und möchte sich selbst den Traum vom Autofahren ermöglichen.

Wer ein paar mehr Beispiele für derartige Berichterstattung über Menschen mit Behinderung will, muss sich nur auf der Website der Leidmedien umschauen.

Allerdings ist nicht nur relevant, wie die Medien über Menschen mit Behinderung berichten, sondern auch, wie sie es nicht tun. „Ich habe noch keine einzige Fernseh-Straßenumfrage erlebt, in der ein behinderter Passant über Alltagsprobleme zu Wort gekommen wäre“¹, schreibt der Journalist Peter Radtke und verdeutlicht damit die Tragweite der Zuschreibung von Behinderung. Hier zeigt sich, dass die stereotype Betrachtung von Behinderung auch auf die Medienschaffenden selbst (die ja selbstverständlich auch als Einzelpersonen Teil des gesellschaftlichen Diskurses sind) zurückwirkt. Nämlich dahingehend, dass sie Menschen mit Behinderung in der alltäglichen Berichterstattung nicht für „voll“ zu nehmen scheinen.

Dieser Umstand verdeutlicht, dass es sich bei der klischeehaften Berichterstattung über behinderte Menschen eben nicht um ein Werk der „Lügenpresse“ handelt. Für mich sieht es eher danach aus, als würden die Vorurteile wechselseitig von der Gesellschaft in die Medien und wieder zurück transportiert.

Natürlich liegt es somit an jeder/jedem Einzelnen, die bestehenden Klischees gegenüber Menschen mit Behinderung abzubauen. Die Berichterstatter_innen nehmen dabei allerdings eine Sonderfunktion ein: Sie haben jederzeit die Möglichkeit, mit geringem Aufwand und großer Wirkung Vorurteile aufzubrechen. Auf der Website der Leidmedien gibt es dazu jede Menge Tipps. Tun Journalist_innen das nicht, tragen sie auch weiterhin dazu bei, dass Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft nicht für „voll“ genommen werden.


¹ Radtke 2003, zitiert nach: Röben, Bärbel (2013): Medienethik und die „Anderen“. Wiesbaden: Springer VS.
² Pohl, Sandra (2013): Wie Schüler/-innen „Behinderung“ sehen – Ergebnisse einer Studie in einer Bremer Koop-Klasse. In: Dorrance, Carmen / Dannenbeck, Clemens (Hrsg.) (2013): Doing Inclusion. Inklusion in einer nicht inklusiven Gesellschaft. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Veröffentlicht von

Moritz

Hallo, ich bin Moritz (@script0r). Ich studiere Konfliktforschung in Augsburg und blogge u.a. über Gesellschaft, Politik und Computerkram.

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