MQ-9A „Reaper“ der U.S. Air Force
MQ-9A „Reaper“ der U.S. Air Force. Foto: U.S. Air Force/Paul Ridgewa (gemeinfrei)

"Neue" Gewalt durch Drohnen?

Ein Mann sitzt in einem Raum, eine Hand an einem Joystick. Der Mann ist Soldat. Er wartet. Dann drückt er auf einen Knopf und auf der anderen Seite der Erdkugel sterben zehn Menschen. Szenen wie diese sind heute Alltag und sie alle haben eine besondere Eigenschaft: Die physische Distanz zwischen „Täter_in“ und „Opfer“. In den Medien liest man in diesem Zusammenhang häufig, dass dieser Umstand bei den Pilot_innen die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung senke. Ich glaube, mit dieser Aussage macht man es sich zu einfach.

Gewalt im Krieg – Der historische Hintergrund
Die Mittel, mit denen Gewalt in Kriegen und bewaffneten Konflikten ausgeübt wurde und wird, haben sich im Laufe der Geschichte schrittweise verändert. So standen sich im Mittelalter feindliche Heere von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Bogen, Kanonen und später auch Gewehre ermöglichten zwar einen Kampf auf die Distanz, aber diese Entfernungen waren im Vergleich zu dem, was heutige Waffensysteme zu leisten in der Lage sind, noch sehr gering. Erst die Einführung der Luftwaffe sorgte dafür, dass Angriffe aus großem (und somit teilweise aus für die Angreifer_innen „sicherem“) Abstand durchgeführt werden konnten. Und diese Entfernung wurde mit der Einführung von unbemannten Flugobjekten, den Drohnen, weiter vergrößert.

Drohnen und die dahinter stehende Idee sind somit nichts Neues, sondern Teil einer jahrhundertelangen Entwicklung. In dieser Entwicklung geht es darum, dem Feind (möglichst großen) Schaden zufügen zu können und gleichzeitig den eigenen Schaden so gering wie möglich zu halten. Bewaffnete Drohnen sind hierbei der bisherige Höhepunkt: Ein_e Soldat_in kann in den USA sitzen und in Pakistan Menschen töten. Für sie/ihn selbst besteht dabei – zumindest körperlich – keine direkte Gefahr.

Drohnen sind also ein neues Mittel, um in einem bewaffneten Konflikt Gewalt auszuüben. Allerdings lässt die bloße Beobachtung dieses Sachverhalts keine Aussage darüber zu, ob die Gewalt in solchen Konflikten sich ebenfalls verändert. Ob sie durch den Einsatz von Drohnen also zu- oder abnimmt, ob sie schlimmer oder weniger schlimm wird. Das liegt zum einen daran, dass es ganz unterschiedliche Vorstellungen davon gab und gibt, was Gewalt überhaupt ist.1 Der Legende nach haben die Spartaner in der Antike beispielsweise schwache Neugeborene in eine Schlucht geworfen. Aus heutiger Sicht ein höchst gewalttätiger Vorgang – damals wohl vollkommen „normal“.

Es gibt schlichtweg keine objektiven Kriterien, mit denen bewertet werden kann, welche Gewalttat schlimmer als eine andere ist. Natürlich besteht die Möglichkeit, die Gewalt auf simple Zahlen herunter zu brechen und einfach die Opferzahlen verschiedener Gewaltakte miteinander zu vergleichen – so wie es aktuell viele im Fall der Terroranschläge in Paris machen. Allerdings sagt uns das nichts über das eigentlich Ausmaß der Gewalt. Nehmen wir zum Beispiel an, fünf unschuldige Menschen werden auf offener Straße erschossen und 20 andere Unschuldige sterben bei einem Bombenattentat. Welcher Vorgang ist schlimmer?

Ich glaube nicht, dass man diese Frage beantworten kann.

Sorgen Drohnen für eine „neue“ Gewalt?
Dementsprechend stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob sich Drohnenangriffe in Bezug auf die ausgeübte Gewalt überhaupt von anderen Kampfarten unterscheiden. Ein erster Ansatzpunkt, der dafür zu sprechen scheint, ist die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung. Diese Hemmschwelle – so eine weit verbreitete Kritik – sinke beim Einsatz bewaffneter Drohnen, da der Angreifer die kriegerische Handlung nur auf einem Bildschirm – also quasi wie in einem Computerspiel – erlebe.

Ein großes Problematik dieser Kritik besteht darin, dass sie „herkömmlichen“ Gewaltanwendungen eine hohe Hemmschwelle zuschreibt. Auf Gewalt in unserem Alltag mag das häufig auch zutreffen. Aber Krieg ist kein Alltag. Krieg ist Krieg. Es lohnt sich hierbei auf einen Klassiker der Weltliteratur zu verweisen: Erich Maria Remarque beschreibt in „Im Westen nichts Neues“ das Verhalten von Soldaten an der Front. Besonders eindrucksvoll ist seine Schilderung davon, wie sich der menschliche Körper im Gefecht automatisiert, um sich selbst zu schützen. Das bedeutet: Der Soldat überlegt nicht. Er benutzt nicht seinen Verstand. Er tut einfach das, was sein Körper ihm in der jeweiligen Situation befiehlt. Er wirft sich auf den Boden, er rennt, er tötet. Diese Beschreibung, so schrecklich sie ist, verdeutlicht: In einem bewaffneten Bodengefecht, egal, ob es sich um den Grabenkrieg im Ersten Weltkrieg oder einen Häuserkampf im Syrienkonflikt handelt, sinken die Hemmschwellen im Vergleich zu Alltagssituationen enorm. Und zwar nicht, weil die Beteiligten so weit von der Gefechtsituation entfernt wären. Sondern weil sie mitten drin sind.

Passend hierzu ein Zitat eines israelischen Generals im Interview mit der Zeitschrift Internationale Politik zur Frage, ob Drohnen die Hemmschwelle der Soldat_innen tatsächlich senken:2

„[D]er Stress und die Gefahr, unüberlegt zu handeln, sind [vor Ort] ungleich größer.“

Man kann die Kritik der sinkenden Hemmschwelle folglich auch genau anders herum formulieren, als die meisten Kritiker_innen es tun: Drohnen geben dem/der Soldat_in mehr Zeit (z.B. für Absprachen mit den Vorgesetzten), mehr Ruhe und einen besseren Überblick über die Gesamtsituation.

Gleichzeitig sind sie anscheinend für den/die Angreifer_in keineswegs so unproblematisch, wie es oft angedeutet wird. So hat das „Armed Forces Health Surveillance Center“ (AFHSC) im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums eine Studie durchgeführt, derzufolge die Drohnenpilot_innen der Air-Force ein ähnliches psychisches Risikoprofil wie alle anderen Air-Force-Pilot_innen aufweisen.3

Unabhängig davon, dass diese Ergebnisse aufgrund der Verbindung zur US-Regierung mit Vorsicht zu genießen sind: Dafür, dass Drohnenangriffe auf Seiten des/der Angreifer_in eine spezielle Distanzierung oder Gleichgültigkeit zur Gewaltausübung mit sich bringen gibt es bis heute keine Belege. Im Gegenteil: Es sieht stark danach aus, als würde dieser Art der Gewaltanwendung – wie andere Gewaltanwendungen auch – auf den/die Angreifer_in zurückwirken. Doch selbst, wenn der Kritikpunkt zutreffen würde und Drohnenangriffe für die Pilot_innen tatsächlich wie Computerspiele wären, könnte man eben diese Kritik auch auf andere kriegerische Gewaltakte anwenden. Das bekannteste aktuelle Beispiel hierfür ist vermutlich das von WikiLeaks veröffentlichte Video von US-Soldaten, die mit einem Kampfhubschrauber Zivilisten angreifen und sich dabei über ihre Opfer amüsieren. Dieses und viele weitere Beispiele zeigen: Töten kann für Menschen immer zum Spiel werden – die Art der eingesetzten Waffe scheint dabei keine tragende Rolle zu spielen.

Eine weitere Kritik am Einsatz bewaffneter Drohnen ist die große Zahl an zivilen Opfern bei Drohnenangriffen. Allerdings gehen die Zahlen hierüber aufgrund verschiedener Zählweisen und Datensätze weit auseinander.4 Gleichzeitig ist auch diese Kritik problematisch, da sie nahelegt, andere Gewaltformen im Krieg würden Zivilist_innen schonen. Das ist aber nicht der Fall. Kriege fordern grundsätzlich hohe zivile Opferzahlen.5 Zudem kommen Drohnen sehr nah an ihre Ziele heran und setzen auf die selbe Bewaffnung, die auch bei Flugzeugen zum Einsatz kommt. Somit lässt sich allein aus dem technischen Aufbau bereits ableiten, dass die unbemannten Luftfahrzeuge wohl kaum weniger präzise Angriffe durchführen, als reguläre Flugzeuge.4 Die Kritik der hohen zivilen Opferzahl kann sich folglich nicht speziell an den Einsatz von Drohnen richten, sondern sie muss vielmehr eine allgemeine Kritik an jeglicher Form des bewaffneten Konfliktes sein.

Zu guter Letzt werden bewaffnete Drohnen häufig dafür kritisiert, dass ihr Einsatz dem Opfer gegenüber nicht „gerecht“ sei. Dieses Argument basiert auf zwei fragwürdigen Vorstellungen. Nämlich einerseits, dass „herkömmliche“ Kriege symmetrisch (und dementsprechend auf Augenhöhe) verlaufen würden und andererseits, dass Gewalt im Krieg auf eine faire Art und Weise ausgeübt werden könne. Beides ist nicht der Fall. So gibt es seit jeher Kriege, in denen technisch fortgeschrittene Akteure gegen technisch weniger fortgeschrittene Akteure kämpfen. Zudem sind auch frühere bewaffnete Konflikte keineswegs für ihr besonderes Maß an Fairness oder das Einhalten bestimmter Regelwerke, sondern vielmehr für ihre Brutalität bekannt.5

Abgesehen davon stellt sich die Frage: Ist es wirklich „gerechter“, einen Menschen bei einem Bombenabwurf oder im direkten Gewecht statt mit einer Drohne zu töten? Oder ist es nicht eher so, dass diese Sichtweise auf einem heroischen und idealisierenden Kriegsverständnis beruht? Einem Kriegsverständnis, das Kriege und bewaffnete Konflikte als Mittel der Politik legitimiert, solange diese nach vermeintlich fairen Spielregeln ablaufen. Aber selbst, wenn es gute Gründe für das Eintreten in einen bewaffneten Konflikt gibt, ist die in diesem Krieg ausgeübte Gewalt keineswegs fair. Weder gegenüber denjenigen, die sie ausüben müssen, noch gegenüber denjenigen, gegen die sie ausgeübt wird. Und das vollkommen unabhängig von den technischen Mitteln, die zur Gewaltausübung verwendet werden.

Fazit
Es ist nicht das Anliegen dieses Beitrags, Drohnenangriffe zu verharmlosen oder gar zu rechtfertigen. Denn Drohnen sind – keine Frage – brutale und schreckliche Waffen. Aber das sind Bomber, Gewehre und Granaten auch. Deshalb muss man sich im Klaren darüber sein: Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Drohnen zu einer neuen, oder gar schlimmeren Form der Gewalt führen. Mit ihnen werden Menschen auf brutale Art und Weise getötet – Kombatant_innen und Zivilist_innen –, aber nichts davon ist neu und nichts davon geschieht ausschließlich durch Drohnen. Dementsprechend ist es wichtig, die gegen bewaffnete Drohnen angeführten Argumente auch auf andere Waffensysteme zu beziehen, statt Letztere zu idealisieren. Denn bei all diesen Systemen geht es letzten Endes um eines: Menschen zu töten. Und dafür gibt es keine „schöne“ oder „richtige“ – und schon gar keine gewaltlose – Art und Weise.

Letztlich laufen die hier vorgestellten Kritikpunkte deshalb auf eine Frage hinaus: Sehen wir es als gerechtfertigt an, mit unseren Waffensystemen Gewalt auszuüben, um bestimmte Ziele zu erreichen? Tun wir das, sind Drohnen für uns ein brauchbares Werkzeug, da sie unseren eigenen Schaden verringern. Tun wir das nicht, dann sollten wir auf den Einsatz aller Waffensysteme, egal ob Drohne, Flugzeug oder Gewehr, so gut es geht – und im Idealfall vollständig – verzichten. Das wäre der einzige Weg, eine gewaltlose oder zumindest eine weniger gewalttätige Alternative zu der in Kriegen und bewaffneten Konflikten ausgeübten Gewalt zu schaffen.

Keine Gewalt – nach Jahrtausenden der Kriegsführung wäre das tatsächlich etwas Neues.

1 Baumann, Zygmunt (2000): Alte und neue Gewalt. In: Journal für Konflikt- und Gewaltforschung. 2000/1. S. 28-42.
2 Internationale Politik (Hrsg.) (2013): Kühle Köpfe, maximale Kontrolle. Ein israelischer General über den Einsatz unbemannter Systeme. In: Internationale Politik. 2013/3. S. 32 – 35.
3 AFHSC (Hrsg.) (2013): Medical Surveillance Monthly Report. URL: http://www.afhsc.mil/viewMSMR?file=2013/v20_n03.pdf (aufgerufen am 10.09.2013).
4 Schörnig, Niklas (2013): Noch Science Fiction, bald Realität? Die technische Leistungsfähigkeit aktueller und zukünftiger Drohnen. In: Internationale Politik. Mai / Juni 2013, Nr. 3. S. 15 – 25.
5 Heywood, Andrew (2011): Global Politics. New-York: Basingstoke.

Veröffentlicht von

Moritz

Hallo, ich bin Moritz (@script0r). Ich studiere Konfliktforschung in Augsburg und blogge u.a. über Gesellschaft, Politik und Computerkram.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.