Tafel mit dem Schriftzug "What's Your Story?"

Ein Leben voller Geschichten

In der Politik bekommt man auf eine Frage meist viele verschiedene Antworten. Mit denen kann man dann persönlich mehr oder weniger anfangen. Entscheidend ist dabei interessanterweise nicht, ob eine Antwort am Ende richtig oder falsch ist. Denn um das zu wissen, müsste man schon in die Zukunft sehen. Besser gesagt: In mehrere „Zukünfte“, weil man ja jede einzelne Antwort auf ihre Richtigkeit überprüfen müsste.

Es kommt also nicht darauf an, ob eine Politikerin oder ein Politiker die richtige Antwort auf eine Frage weiß. Es kommt darauf an, wie überzeugend die Geschichte ist, die der- oder diejenige erzählt.

„Wie interessant ist die Geschichte, die der[jenige] erfindet?“ (Heinz von Foerster)

In der Politik geht es wie in der Wissenschaft um Geschichten. Um Theorien darüber, wie die Welt funktioniert – und eventuell auch über das, was man unternehmen kann, um sie in eine bestimmte Richtung zu verändern. Um die Vorstellungen, die die Menschen von sich und ihrer Umwelt haben.

In meiner Bachelorarbeit untersuche ich solche Vorstellungen in einem speziellen Konflikt: Ich schaue mir an, wie verschiedene Akteure, die am Nuklearkonflikt mit Iran beteiligt sind, das iranische Atomprogramm und Iran selbst sehen. Ich schaue mir an, welche Geschichten diese Akteure erzählen.

Diese Geschichten, so mein aktueller Stand, sind grundverschieden. Die israelische Regierung erkennt in Iran nicht weniger als ein von Grund auf böses, brutales Regime. Die russische Regierung sieht in Iran einen manchmal schwer einzuschätzenden, aber prinzipiell verlässlichen und friedlichen Partner.

Ich finde das furchtbar spannend. Zwei Staaten, Israel und Russland, die selbst eine enge Partnerschaft pflegen, schätzen denselben Staat vollkommen unterschiedlich ein. Die Politiker_innen dieser Staaten erzählen Geschichten, die kaum verschiedener sein könnten. Jede dieser Geschichten ist interessant. Jede dieser Geschichten wird mit Fakten untermauert. Deshalb gelingt es jeder dieser Geschichten, viele Menschen zu überzeugen.

Wenn man nun ein Interesse an diesem oder irgendeinem anderen Konflikt hat, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, man entscheidet sich schlichtweg für eine dieser Geschichten (vielleicht sogar ohne sich die anderen anzuhören). Ich glaube, dass wir im Alltag aus Zeit- und Interessengründen oft zu diesem Schritt gezwungen sind. Aber ich glaube auch, dass man, wenn einem ein Thema wirklich wichtig ist, einen Schritt weiter gehen und sich mehrere – im Idealfall alle – Geschichten anhören sollte.

Wer das tut, dürfte eine interessante Erfahrung machen. Denn oft sind es gerade die Geschichten, von denen wir ursprünglich wenig halten, die uns und unsere Meinung ins Wanken bringen. Die Zweifel schüren und uns verunsichern.

Wenn es nun aber in der Politik, in der Wissenschaft und in unserem Alltag um gute Geschichten geht, dann denke ich: Keine Geschichte ist besser als die, die man mit aller Kraft, aber doch ohne Erfolg, zum Einsturz bringen wollte.

Veröffentlicht von

Moritz

Hallo, ich bin Moritz (@script0r). Ich studiere Konfliktforschung in Augsburg und blogge u.a. über Gesellschaft, Politik und Computerkram.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.