Silhouetten von zwei Menschen an einem See.

Geschwisterliebe

Das hier ist mein Beitrag zu meiner Blog-Parade Welche deiner Ansichten hast du grundlegend geändert? Und wieso?

Es gibt Themen, über die denke ich sehr viel und vor allem ausführlich nach, nur um dann am Ende noch immer nicht in der Lage zu sein, mir eine eigene Meinung zu bilden. Es gibt aber auch Themen, da klappt das mit der Meinungsbildung sehr schnell. Dinge, über die ich fast nie nachdenke. Aber wenn ich es dann tue, habe ich keinerlei Probleme, mich festzulegen.

Inzest ist so ein Thema.

Ein Thema, zu dem ich persönlich überhaupt keinen Bezug habe und das mich eigentlich befremdet. Ich mag meine Geschwister sehr gern. Aber doch nicht so.

Eben weil es mich befremdet, habe ich nie groß darüber nachgedacht, ob Inzest erlaubt sein sollte, oder nicht. Für mich war das gesetzliche Inzestverbot irgendwie immer normal.

Vor kurzem hat bei Domian ein Mann angerufen, der eine Beziehung mit seiner Schwester hat. Das Gespräch war für mich einer dieser besonderen Domian-Momente: Sehr spannend, aufklärerisch und aufschlussreich.

Es hat nicht mehr gebraucht als diese kurze Unterhaltung, um mich davon zu überzeugen, dass das Inzestverbot in die Tonne gehört. Dass es Ausdruck einer normorientierten Gesellschaft ist, die auch dann noch auf gewisse Normen setzt, wenn sich die Argumente dafür längst in Luft aufgelöst haben.

Im Fall des Inzests nimmt der Staat den betroffenen Menschen ihr Recht auf Selbstbestimmung. Die Begründung: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Paare behinderte Kinder bekommen, ist vergleichsweise hoch.

Das ist richtig. Aber Inzest ist da kein Sonderlfall. Was ist mit behinderten Paaren? Mit Frauen über 40? Mit all den anderen Fällen, in denen die Wahrscheinlichkeit einer Behinderung der Kinder steigt? Niemand verbietet all diesen Menschen ihre Liebe. Zurecht. Es ist nämlich ihre Liebe. Und es sind ihre Kinder. Falls sie denn welche haben wollen.

„Ich hätte nicht damit gerechnet, dass eugenische Argumente heute noch eine Rolle spielen. Wir leben in einer Gesellschaft mit Pränataldiagnostik und reproduktiver Selbstbestimmung. Die Verantwortung über die Geburt eines möglicherweise behinderten Kindes liegt bei den Eltern. Wer von oben entscheiden will, was lebenswertes und lebensunwertes Leben ist, der bewegt sich in längst überholt geglaubten Denkmustern unserer Geschichte.“ Michael Wunder, Mitglied im Ethikrat der Bundesregierung (Interview auf stern.de)

Der Anrufer bei Domian erklärte im Telefonat, dass er und seine Schwester keine Kinder möchten. An diesem Punkt sieht man schon, dass es der Gesetzgebung gar nicht um diese Kinder geht. Denn vom Verbot sind alle Paare betroffen – ob Kinderwunsch oder nicht spielt keinerlei Rolle.

Wenn man sich Berichte von Betroffenen durchliest, stellt man fest, dass diese Menschen beim Bekanntwerden ihrer Beziehung oft ausgegrenzt, beschimpft oder sogar angezeigt werden. Denn in großen Teilen unserer Gesellschaft wird Inzest als Tabu betrachtet. Das tut man einfach nicht. Das gehört sich nicht. Das ist „abartig“. Da wird ohne Unterlass die Moralkeule geschwungen. Nur: Wieso sollte Inzest moralisch fragwürdig sein?

Es geht hier um Menschen, die niemandem schaden. Die einfach nur ihre Liebe ausleben. Die der Geschwisterliebe eine andere Bedeutung geben. Geschwisterliebe, das klingt viel netter als Inzest oder Blutschande.

Und wie gesagt: Ich selbst finde diese Art von Geschwisterliebe befremdlich. Ich kann mich überhaupt nicht in diese Leute hinein versetzen. Aber nur, weil ich etwas nicht nachvollziehen kann, heißt das doch nicht, dass es verboten gehört.

Mir ist klar, dass eine Abschaffung des Inzestverbots nicht zu einer Abschaffung gesellschaftlicher Tabus führt. Aber sie führt dazu, dass die wenigen betroffenen Menschen eine Sorge weniger haben. Die Sorge nämlich, dass sie für ihre Liebe eines Tages strafrechtlich belangt werden könnten. Dass sie ins Gefängnis müssen, nur weil sie sich lieben.

Veröffentlicht von

Moritz

Hallo, ich bin Moritz (@script0r). Ich studiere Konfliktforschung in Augsburg und blogge u.a. über Gesellschaft, Politik und Computerkram.

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