Auch im Vietnamkrieg verhieß der Stacheldraht nichts Gutes. Heute machen wir damit Grenzen dicht. Damals wurden aus dem Draht Käfige für Menschen gebaut. Foto: Moritz C

Flüchtlingskrise – Aus Bildern lernen

Im vietnamesischen Ho-Chi-Minh-Stadt gibt es ein Kriegsopfermuseum und in diesem Museum befinden sich mehrere Bildergalerien, die die Opfer des Vietnamkrieges zeigen. Zweifellos stellt das Museum den Krieg sehr einseitig dar und ich bin der Meinung, dass man nicht plakativ jedes dieser Bilder zeigen muss, um die Grausamkeit des Krieges zu verdeutlichen.

Aber wenn man diese Fotografien gesehen hat, die zerfetzten und verstümmelten Körper, dann macht das was mit einem. Vermutlich können die meisten von uns dieses fotografierte Grauen langfristig wieder verdrängen, aber für den Moment schockiert es, macht still, sprachlos. Dass Menschen anderen Menschen so etwas angetan haben, dafür kann es keine Rechtfertigung geben.

Das erste Mal, dass mich Bilder derart getroffen haben, war im Geschichtsunterricht: Wir sahen ein Video, in dem die Alliierten mit Baggern die Leichen von KZ-Häftlingen zusammenkarrten, weil sie keine andere Möglichkeit sahen, mit der Masse an toten und verwesten Körpern umzugehen. Sie haben mit ihren Maschinen Berge von toten Menschen über die Erde geschoben – als wäre es Kies.

Heute habe ich das Bild des toten syrischen Jungen gesehen. Ein Junge, der dem Krieg entkommen konnte – und dann im Meer ertrunken ist. So wie tausend andere Flüchtlinge. Ein Junge, von dem eine Geschichte und ein paar Bilder bleiben. Bilder, die fassungslos machen.

Gestern habe ich in verschiedenen Artikeln gelesen, man dürfe sich in der aktuellen Situation nicht nur auf die Empathie verlassen. Man müsse vernünftig handeln. Und es sei nicht vernünftig, hunderttausende Flüchtlinge, von denen viele keinerlei Ausbildung hätten, in unser Land zu lassen. Ein solches Vorgehen schade unserer Wirtschaft.

Mag sein, dass der letzte Satz stimmt. Ich bin kein Ökonom – und die Ökonom_innen selbst scheinen sich in dieser Frage nicht gerade einig zu sein. Mag also sein, dass ein solches Vorgehen tatsächlich unserer Wirtschaft schadet. Unserer Wirtschaft, der es so gut geht wie fast keiner anderen in der Welt. Aber an unseren Grenzen sterben Menschen. In Massen. Männer, Frauen und Kinder aus den verschiedensten Ländern ertrinken auf der Flucht.

Vielleicht gibt es in Europa irgendwann ein Fluchtopfermuseum. Voll mit Bildern von Ertrunkenen, bei deren Anblick man sich denkt: Dass Menschen zugelassen haben, dass so etwas anderen Menschen passiert – dafür kann es keine Rechtfertigung geben.

Die Gelder für ein solches Museum wären dank der florierenden Wirtschaft sicherlich vorhanden.

Veröffentlicht von

Moritz

Hallo, ich bin Moritz (@script0r). Ich studiere Konfliktforschung in Augsburg und blogge u.a. über Gesellschaft, Politik und Computerkram.

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