Demonstrantin mit Schild: "What did you learn from Iraq?"
What did you learn from Iraq? Foto: Alisdare Hickson (auf Flickr unter CC BY-SA 2.0)

Wieso man Terrorismus verstehen muss

Torsten Krauel hat in der WELT einen Kommentar zu „Terrorverstehern“ geschrieben, der einige interessante Ansatzpunkte enthält, im Ganzen aber vor allem eines ist: Unglaublich einseitig.

Es beginnt bei der Formulierung „Terrorversteher“. Ein Wort, mit dem Krauel all diejenigen anspricht, die die Ursachen des islamistischen Terrorismus im vergangenen und aktuellen Handeln westlicher Staaten sehen. Gleichzeitig schwingt in der Wortwahl der Vorwurf der Rechtfertigung mit. Krauel drückt es wie folgt aus:

„Und jetzt wollen uns welche einreden, der Terrorismus von Gruppierungen wie al-Qaida oder dem Islamischen Staat sei die womöglich einzige folgerichtige Antwort auf westliche Politik?“

Ich finde, dass die Formulierung „Terrorversteher“ in diesem Zusammenhang äußerst schlecht gewählt ist. Sie ist schlecht gewählt, weil sie anderen den Versuch des Verstehens vorwirft. Dieser Versuch ist aus meiner Sicht aber immer richtig. Er bedeutet in keiner Weise, dass man das, was man versteht, auch in irgendeiner Form rechtfertigt. Verstehen ist schlichtweg notwendig, um Probleme zu lösen. Ich kann jeden morgen einen zu großen Schritt auf der Treppe machen und deswegen hinfallen. Erst wenn ich verstehe, dass ich kleinere Schritte machen muss, lässt sich das Problem lösen.

Die Formulierung „Terrorversteher“ kann kein Vorwurf sein. Wer den Terrorismus nicht versteht, der wird keine zielführenden Ansätze zu seiner Bekämpfung liefern können. Andreas Bock bringt es mit seiner Kritik des Begriffs „Putinversteher“ auf den Punkt:

„[A]us einer Kernkompetenz der politischen Analyse wird ein Schimpfwort, das Kumpanenschaft vermutet und die Rechtfertigung des Völkerrechtsbruchs unterstellt. Beides ist falsch, beides ist infam. „

Krauel schreibt weiter, dass viele Staaten und Gruppen auf gewalttätige Handlungen und schwerwiegende Fehler des Westens eben nicht mit Terrorismus reagiert hätten. Das ist richtig, schließt aber schlichtweg nicht aus, dass das im Fall des islamistischen Terrorismus anders ist. Gleichzeitig blendet der Autor Handlungen westlicher Staaten aus, die in Bezug auf den sogenannten „Islamischen Staat“ durchaus ein Rolle spielen.

Was ist beispielsweise mit den Kriegen in Afghanistan und Irak? Dem vermutlich vorschnellen Rückzug aus dem Irak, der zur Instabilität des Landes beigetragen hat? Was ist mit den Lieferungen von Waffen in die Region? Waffen, die Terrorgruppen immer wieder in die Hände fallen. Was ist mit der Unterstützung dieser Gruppen in der Vergangenheit – etwa im Kampf gegen die Sowjetunion? Was mit der westlichen Kooperation mit Saudi Arabien – einem Staat, in dem wichtige Unterstützer des islamistischen Terrorismus agieren? Und was ist mit dem Umstand, dass geschätzt die Hälfte der IS-Kämpfer aus dem Ausland kommt? Etwa 2000 aus westlichen Staaten.

Krauel hat Recht, wenn er schreibt „Es gibt Nationalisten und Kosmopoliten, es gibt Diktatoren und Demokraten, es gibt Terroristen und Friedfertige. Es gibt immer zwei Möglichkeiten.“ Ich denke auch, dass es ein Fehler ist, die Ursachen für den islamistischen Terrorismus nur im Westen zu suchen. Denn am Ende ist der Griff zur Waffe auch immer eine Entscheidung des/der Einzelnen. Eine Entscheidung, die mitunter von regionalen Problemlagen abhängt – beispielsweise der Diskriminierung und Ausgrenzung bestimmter Gruppen. Ich denke aber auch, dass man die Fehler westlicher Staaten und Organisationen, die zuhauf gemacht wurden, nicht einfach ausblenden darf. Am Ende spielen alle drei Aspekte eine wichtige Rolle: Es gibt regionale, „westliche“ und individuelle Ursachen. So jedenfalls verstehe ich den Terrorismus.

Veröffentlicht von

Moritz

Hallo, ich bin Moritz (@script0r). Ich studiere Konfliktforschung in Augsburg und blogge u.a. über Gesellschaft, Politik und Computerkram.

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