Screenshot des SZ-Artikels "Dank den gigantischen Helden"
Screenshot des SZ-Artikels "Dank den gigantischen Helden"

Keine Zwerge

Der SZ-Journalist Martin Zips war wohl ein großer Fan des verstorbenen Alf-Darstellers Michu Meszaros. Seine Bewunderung für Meszaros und weitere Kleinwüchsige hat er versucht, in einer Klickstrecke zum Ausdruck zu bringen. Zu schreiben, dass ihm das nicht gelungen ist, wäre untertrieben.

Auf Seite zwei dieser Klickstrecke stehen gleich zu Beginn die folgenden Sätze:

„Kleinwüchsige begeistern schon deshalb, weil von ihnen ein märchenhafter Zauber ausgeht. Weil sie wie Erwachsene wirken, die man in Kinderkörper gesteckt hat. Weil sie sich ähnlich komisch bewegen wie die schlaksigen Riesen Stan Laurel oder Jacques Tati. Weil ihre Stimmen piepsen, als hätten sie Helium eingeatmet.

Die Tonlage von Kleinwüchsigen ist meist noch höher als die von Frauen. Das ist beeindruckend für all jene, die ihren Stimmbruch überstanden haben.“

Ganz ehrlich: Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass solche Sätze im Jahr 2016 noch bei der SZ veröffentlicht werden. Ein Klischee nach dem anderen. Und genau wie Ninia LaGrande habe ich mich beim Lesen gefragt: „Wie kann es passieren, dass so ein Text durchgewunken wird?

Ich habe hier vor zwei Jahren schon einmal über mögliche negative Wirkungen der Medienberichterstattung geschrieben. Damals im Zusammenhang mit Menschen mit Behinderung. Die dort getroffenen Aussagen lassen sich auch auf Zips Artikel über Kleinwüchsige anwenden. Der Autor behandelt Kleinwüchsige in seinem Beitrag nicht wie „normale“ Menschen, sondern wie spezielle Wesen. „Dank an alle Hobbits, Liliputaner, Schlümpfe und Zwerge“, schreibt Zips. Dabei sind genau das Begriffe, mit denen Kleinwüchsige regelmäßig konfrontiert und beleidigt werden. Ninia LaGrande schreibt dementsprechend: „Das ist keine Würdigung. Das ist vermutlich der beleidigendste Bullshit, den ich in den letzten Jahren über Kleinwüchsige gelesen habe.

Gleichzeitig scheint sein Artikel als Loblied auf Kleinwüchsige KünstlerInnen gedacht zu sein: „Dank an alle kleinwüchsigen Helden.“

Im Fall von Menschen mit Behinderung hatte ich hierzu geschrieben:

„Häufig ist die Rede von kranken, leidenden Opfern, oder aber von Heldinnen und Helden, die ihr Unglück stoisch ertragen. Schubladendenken in Perfektion.“

Genau auf diesem Schubladendenken beruht der SZ-Artikel. Das wiederum ist höchstproblematisch, weil Medien immer auch eine Bildungs- und Informationsrolle spielen. Viele Menschen (mich eingeschlossen), kennen keinen kleinwüchsigen Menschen persönlich. Die Berichterstattung über Kleinwüchsige kann in solchen Fällen sehr einflussreich und nachhaltig das Bild von „lustigen“ und „heldenhaften ZwergInnen“ prägen.

Und das zu einer Zeit, in der Peter Dinklage und die MacherInnen von Game of Thrones einem breiten Publikum zeigen, dass es auch anders geht. Dass man kleinwüchsige SchauspielerInnen, die in Film- und Fernsehproduktionen allzuoft immer noch als Witzfiguren dienen, auch ernst nehmen kann. Genau das erkennt Martin Zips an, wenn er Dingklages Rolle als „integere und würdevolle Figur“ beschreibt. Große Teile seines Artikels bezeichnen Kleinwüchsige aber alles andere als würdevoll.

Die menschliche Würde. Genau darum geht es am Ende:

„Ich will wie eine erwachsene Person, nicht wie ein Kind oder ein Haustier behandelt werden. Ich bin ein Mensch.“ (Michu Meszaros, via @NiniaLaGrande)

Update: Eine gute Zusammenfassung der Ereignisse rund um den SZ-Artikel gibt es bei den Leidmedien.

Veröffentlicht von

Moritz

Hallo, ich bin Moritz (@script0r). Ich studiere Konfliktforschung in Augsburg und blogge u.a. über Gesellschaft, Politik und Computerkram.

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