Drei Meter

Eine Reihe von Einkaufswagen

In diesem Land gibt es ein Problem. Ein großes Problem. Es hat mit Konsumenten zu tun. Mit Käufern, oder mit Kunden. Kunden, die etwas im System nicht ganz verstanden haben und dementsprechend vollkommen irrsinnig handeln. Wobei unklar ist, was es da nicht zu verstehen gibt.

Drei Meter. Es sind drei verdammte Meter.

Die Gründe für das Verhalten der Kunden sind nicht eindeutig. Vielleicht ist es Faulheit. Vielleicht die geringe Leistungsfähigkeit, ja die Unfähigkeit des eigenen Denkapparates. Vielleicht eine Mischung aus beidem, oder aber die panische Angst, zu spät zum Abendessen nach Hause zu kommen. So richtig klar ist das nicht. Klar ist nur, dass man hier mit Logik nicht weiter kommt. Drei Meter weiterlesen

Der Flaschenmann

Ein Flaschensammler
Ein Flaschensammler – Foto: Susan NYC (auf Flickr unter CC BY 2.0)

Ich kenne den Mann nicht. Habe ihn noch nie gesehen. Ich beobachte nur, wie er durch die Innenstadt läuft, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Er gibt sich Mühe. Große Mühe sogar, nicht aufzufallen. Er möchte untertauchen in den Massen. So unauffällig sein, wie all die anderen, die durch die Straßen schlendern, Eis schlecken, Schuhe kaufen. Aber er schleckt kein Eis. Er kauft keine Schuhe. Er schämt sich. Und ich schäme mich auch.

Sein Fahrrad steht zwei Straßen weiter und er läuft hin und her, zum Fahrrad und zurück, immer wieder, und tut dabei so unauffällig, dass es auffällt. Verschränkt die Arme hinter dem Rücken, läuft und verschrenkt und läuft hin und zurück und zum Fahrrad. Der Flaschenmann weiterlesen

Der Bundesliga-Fan

A: Soso.

B: Ach.

A: Da haben sie’s endlich gepackt, die Jungens.

B: Soso.

A: Jaja.

B: Wer hat was gepackt?

A: Na, die Jungens den Ball! Meister sind sie wieder geworden! Ja lesen sie denn keine Zeitung?

B: Doch, doch.

A: Ja, und sind sie denn kein Bundesliga-Fan?

B: Doch, doch. Sehr sogar. Ein großer Fan sogar! Der Bundesliga-Fan weiterlesen

Die Trompete und die Geige

A: Das ist aber eine hässliche Trompete.

B: Bitte?

A: Ich sagte: Das ist aber eine hässliche Trompete! Die hässlichste, die je den Blickwinkel meiner Augen gestreift hat.

B: Was hat gestreift?

A: Diese hässliche Trompete!

B: Das ist eine Geige.

A: Schön wäre es. Für eine Geige wäre das Ding recht schön. Aber als Trompete ist es einfach nur hässlich.

B: Es ist ja auch eine Geige, keine Trompete.

A: Wer sagt das?

B: Na, es ist doch einfach so. Eine Trompete sähe doch ganz anders aus. Die Trompete und die Geige weiterlesen

Der Theaterbesuch

Eine Frau geht ins Theater und sie sieht sich dort ein Stück an von einem ganz wunderbaren Mann. Ein wunderbares Stück von einem Mann. Vielleicht sogar sein bestes. Es ist ein starkes Stück. Ein agiles Stück, das den Zuschauer vor sich hertreibt und das sich wirklich sehen lassen kann.

Die Frau geht also ins Theater. Und sie setzt sich auf ihren Platz, irgendwo im Rang, auf einen Stuhl mit karierter Polsterung und einer Nummer darauf. Zum Beispiel 518. Oder 324. Und dann sieht sie, die Frau, Menschen in ganz wunderbaren Kostümen, die in eine Rolle schlüpfen. Die einen auswendig gelernten Text vor sich hertragen, ihn geradezu philosophisch ausbreiten, ein Teppich voller wundersamer Klänge, manchmal inhaltslos und trotzdem vielsagend. Der Theaterbesuch weiterlesen

Die Insel

Frau Herrlich fand die Insel an einem Dienstag. Sie fand Dinge meist an Dienstagen. Erst den Bären, dann das Klavier, eine Woche darauf die Birne und heute: Die Insel. Dabei war sie gar nicht darauf aus gewesen, die Insel zu finden. Nein, aus gewesen war sie auf eine neue Jacke. Eine dicke, flauschige Jacke mit prima Kapuze und Reißverschluss. Allerdings war sie auch auf all die anderen Dinge nicht aus gewesen. Weder auf den Bären, noch auf das Klavier, und obwohl sie Birnen mochte, war sie vergangenen Dienstag keineswegs mit dem Ziel aufgestanden, eine zu finden. Einen Apfel vielleicht, ja, aber keine Birne.

Was für ein flauschiges Plätzchen, dachte Frau Herrlich und nahm die Insel genauer unter die Lupe. Alles wirkte so natürlich und gleichzeitig so aufgeräumt. Vorsichtig trat sie einen Schritt näher. Die Insel, das wurde ihr schnell klar, war ein ausgesprochen friedlicher Ort. Ein Platz der Ruhe, mitten in der Einkaufsstraße. Es irritierte Frau Herrlich, dass keiner der anderen Passanten diese Ruhe wahrzunehmen schien. Alle hasteten sie vorbei, ihre Pakete und ihre Kinder unter die Arme geklemmt. Tranken und aßen beim Laufen, telefonierten, aber niemand nahm sich auch nur kurz Zeit für die Insel. Die Insel weiterlesen

Wir machen das jetzt, auch wenn ihr dagegen seid

Wisst ihr noch, als wir noch Kinder waren? Und das waren nicht nur Sandburgen, die wir gebaut haben.* Das waren Schlösser, Paläste, eine glorreiche Feste – nur mit unseren Händen und Köpfen schafften wir all diese Welten. Wir bauten sie auf und ließen sie fallen, wieder und wieder, und wir zeigten sie allen.

Ich weiß nicht, wann wir anfingen, erwachsen zu werden. Wann ist man alt? Ich weiß, dass der Kindskopf mich langsam verließ. Und heute ist da nur noch ein ganz kleines Stück Verrücktheit, und Neugier. Plötzlich ist alles ganz real und man steht im Supermarkt und kauft die No-Name-Produkte, weil Mama wirklich recht hatte und das Zeug aus der Werbung viel zu teuer ist. Und dann sieht man. Und liest man. Von dieser Welt da draußen. Und man beschließt einzusteigen in diesen Irrsinn. Ja, ich würde gern die Welt verändern. Ja, ich sehe hier und da ein bisschen Nachbesserungsbedarf. Wir machen das jetzt, auch wenn ihr dagegen seid weiterlesen